Das Braunschweiger Kolonialdenkmal ist ein Symbol unbewältigter deutscher Geschichte. Seine zentrale Inschrift lautet: "Gedenket unserer Kolonien und der dort gefallenen Kameraden". Damit ehrt es die Täter deutscher Kolonialherrschaft und ignoriert deren Opfer. Mit der Kundgebung fordern wir seine Umwidmung in ein Anti-Kolonialdenkmal. Zudem wollen wir auf die Folgen kolonialer Herrschaft und gegenwärtige Bestrebungen eines "neuen Kolonialismus" hinweisen.
Beitrag Dr. Elke Schrage:
"Krieg und Völkermord sind menschengemacht und politisch gewollt. Sie sind darum auch von Menschen zu verhindern"
2015 soll ein der Viertel US-amerikanischer Erdölimporte von der Küste Westafrikas stammen. Die dortigen Ölquellen kämen ohne unsichere Pipelines aus, ließen sich durch die US-Navy leicht sichern, fernab des lästigen Kartells der OPEC.
Der arme Kontinent Afrika bietet weiterhin Reichtum an Bodenschätzen und Ressourcen. Der ölreiche Süden des Sudan könnte bald per Eisenbahn an der Zentralregierung in Karthun vorbei zur kenianischen Hafenstadt Mombassa erschlossen werden. De facto bedeutete das eine Spaltung des jetzt schon krisengeschüttelten und extrem brutalisierten Landes. Die deutsche Firma "Thormälen Schweißtechnik" aus Bad Oldeslohe hat hierfür im Juli 2004 einen millionenschweren Auftrag der Südsudanesischen Volksbefreiungsarmee angenommen, kurz nachdem die grüne Staatssekretärin im Auswärtigen Amt Kerstin Müller in der Region weilte. Frau Müller u.a. haben sich schon vor dieser Reise für eine deutsche Militäraktion gegen den Sudan ausgesprochen.
Die Verbindungen zwischen der Südsudanesischen Befreiungsarmee und den bewaffneten Rebellen in der umkämpften Region Dafur wird aber von Seiten der deutschen Regierung nicht thematisiert. So könnte es geschehen, dass eine durch das millionenfache Elend im Sudan aufgeschreckte deutsche Öffentlichkeit in eine Militäraktion einstimmt, die letztendlich wirtschaftliche Interessen schützt.
Die Frage, warum sich unser Friedensbündnis mit Afrika und Kolonialismus beschäftigt, ist eng verknüpft mit der Frage, ob die heutige deutsche und europäische Militärpolitik wirklich umsichtiger und weniger aggressiv ist als die US-amerikanische. Sicher ist der Nahe Osten das Pulverfass unserer Zeit. Sicher stehen beängstigende Zeichen auf einen US-Krieg gegen Iran, ist die US-Besatzung im Irak desaströs und eine Fortsetzung des Krieges.
Doch der europäische Verfassungsentwurf schreibt eine Verpflichtung zur Aufrüstung fest, über Kriegseinsätze würde der Ministerrat und nicht das europäische Parlament entscheiden. Die sogenannte Verteidigungslinie würde sich vor den Grenzen Europas befinden. Innerhalb der Nato könnten im Kriegsfall Atomwaffen an Nicht-Atomstaaten weitergegeben werden: z.B. von Frankreich an Deutschland ?
Die Umrüstung zu Interventionsarmeen schreitet in Deutschland und Europa voran. Auch die von Minister Struck angekündigten Einsparungen im Militäretat - nämlich dem zivilen Teil - dienen allein diesem Ziel.
Es kann aber keinen Zweifel geben: Interventionsarmeen bedeuten Angriffskrieg. Angriffskrieg bricht nicht nur das Völkerrecht und das Grundgesetz, es ist auch mit dem heutigen Selbstverständnis und Friedenswillen der europäischen Bevölkerungen nicht ohne weiteres zu vereinbaren. Für Hurra-Patriotismus oder offen erklärte, rein wirtschaftliche Interessen würden sich allgemein Wehrpflichtige heute schwer in Kriege schicken lassen.
Vielleicht war dass auch vor der Erfahrung der zwei Weltkriege nicht anders. Als ab 1887 die deutsche Kolonialbewegung stagnierte, forderte der Militärbefürworter und Missionspfarrer Friedrich Fabri: " es muß ein praktischer Gegenstand von unmittelbarer Kraft, von allgemein humanem Interesse gefunden werden". Er fand ihn in der Sklavenjagd arabischer Händler und propagierte damit deutsche Militäreinsätze in Afrika.
Der Tabubruch, Angriffskrieg von deutschem Boden aus wieder zu führen, wurde im Kosovo vollzogen und am 16.11.01 im deutschen Parlament gegen Afghanistan abgesegnet. Sogenannte humanitäre Einsätze böten der neu entstehenden deutschen und europäischen Interventionsarmee ein Betätigungs- und Übungsfeld. Darum - meine ich - ist es für die Friedensbewegung und alle Menschen, die das Menschheitsverbrechen Krieg nicht wollen, so wichtig, ganz genau zu schauen, was heute in Afrika geschieht. Was und wer steckt hinter den sogenannten humanitären Katastrophen, die sich heute in der Globalisierungslücke der südlichen Länder abspielen? Afrika ist aus dem nördlichen Blickwinkel einerseits so fremd und fern, dass sich wie nach dem Völkermord in Ruanda und jetzt im Bürgerkrieg im Sudan leicht ethnische statt wirtschaftliche und politische Gründe und Verknüpfungen vorführen lassen. Andererseits kann deutsche und europäische Militärpolitik hier auf historisch vertrauten Boden zurückkehren. Hier von humanitären Katastrophen zu sprechen, die humanitäre Militäreinsätze erfordern sollen, macht die Menschenrechte zur Kühlerfigur eine zynischen Machtpolitik.
Sicher geht es um mehr als Bodenschätze. Ich glaube, so wie es vor 100 Jahren ideologisch wichtig war, eine klare Herrschaftslinie zwischen schwarzer und weißer Hautfarbe zu ziehen, ist es heute wichtig, Verlierer, Versager oder Widerständler des globalen kapitalorientierten Wirtschaftsystems klar von den Gewinnern zu unterscheiden. Und zwar nicht nur geographisch, sondern vor allem in den Köpfen der Menschen. Hunger und Krieg resultieren aber genauso wenig aus einer natürlichen Ordnung wie Versager und Verlieren eines aggressiv expandierenden Wirtschaftsystems.
Wenn wir heute am Volkstrauertag den Opfern vergangener Kriege und Völkermorde gedenken und ihnen in der Stille ihres Schweigens zuhören könnten, würden sie uns sagen, dass die Verbrechen, die an ihnen begangen wurden, zuerst in den Köpfen von Menschen begannen. Krieg und Völkermord sind menschengemacht und politisch gewollt. Sie sind darum auch von Menschen zu verhindern.
Ich glaube, es ist der Auftrag dieser Toten an Nachgeborene und Überlebende, genau hinzuschauen, was politisch geschieht und in Deutschland ganz deutlich zu sagen: Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!
Beitrag Claus Kristen:
"Kolonialismus ist ein Verbrechen an der Menschheit."
Das Braunschweiger Kolonialdenkmal wurde 1925 mit pompösen zweitägigen Feierlichkeiten eingeweiht. Sie standen unter dem Motto: "Wir wollen und müssen unsere Kolonien wiederhaben". Die hier die in Stein gehauene Botschaft lautet: "Gedenket unserer Kolonien und der dort gefallenen Kameraden".
Woran wird hier gedacht, was wird hier geehrt?
Gegen Ende des 19. Jahrhunderts überfielen deutsche Kolonialisten Gebiete in Afrika, China und der Südsee. Widerstand der einheimischen Bevölkerung wurde mit militärischer Gewalt, Prügelstrafe, Zwangsarbeit und erzwungenen sogenannten "Schutzverträgen" niedergehalten. Dabei schreckten deutsche Truppen auch vor Völkermord nicht zurück, wie in "Deutsch-Südwestafrika" (Namibia) an den Herero und Nama.
Dort begannen sich die Herero im Jahr 1904 gegen Misshandlungen und die Zerstörung ihrer Lebensgrundlagen zu wehren. Die Reaktion der Deutschen, wie sie ein Missionar darstellt: "Die Deutschen sind erfüllt von einem furchtbaren Haß und schrecklichem Rachedurst, ja, ich möchte sagen Blutdurst gegen die Hereros. Man hört in dieser Beziehung nichts als: 'aufräumen, aufhängen, niederknallen bis auf den letzten Mann, kein Pardon' etc. Die Deutschen werden ohne Frage schreckliche Rache nehmen."
Und in den "Alldeutschen Blättern" heißt es hierzu: "Für solch teuflisches Treiben kann es nur eine Strafe geben: den Tod. Wer da von Schonung spricht, ist ein Verräter an der weißen Menschheit, ein Verräter an seiner Rasse. Von den überlebenden Mördern müssen für jeden erschlagenen Weißen mindestens fünf Stück aufgehängt werden. Der Weiße, und ganz speziell der Deutsche ist Herr und nicht gesonnen, seine Herrschaft abzutreten."
Der Aufstand der Herero endete im ersten Völkermord des 20. Jahrhunderts. General Lothar von Trotha trieb sie in eine wasserlose Wüste, in der sie verdursten mussten. Im offiziellen Bericht des Großen Generalstabs wird es so geschildert:
"Diese kühne Unternehmung zeigt die rücksichtslose Energie der deutschen Führung bei der Verfolgung des geschlagenen Feindes in glänzendem Lichte. Keine Mühen, keine Entbehrungen wurden gescheut, um dem Feinde den letzten Rest seiner Widerstandskraft zu rauben; wie ein halb zu Tode gehetztes Wild war er von Wasserstelle zu Wasserstelle gescheucht, bis er schließlich, willenlos, ein Opfer der Natur seines eigenen Landes wurde. Die wasserlose Omaheke sollte vollenden, was die deutschen Waffen begonnen hatten: die Vernichtung des Hererovolkes."
Am 2. Oktober 1904 verkündete General von Trotha den "Vernichtungsbefehl": "Innerhalb der deutschen Grenzen wird jeder Herero mit und ohne Gewehr, mit oder ohne Vieh erschossen, ich nehme keine Weiber oder Kinder mehr auf, treibe sie zu ihrem Volk zurück, oder lasse auf sie schießen."
Von 80.000 Herero überlebten 15.000. Zusammen mit den ebenfalls aufständischen Nama wurden die Überlebenden in Konzentrationslager verbracht, in denen nochmals die Hälfte der Gefangenen verstarb. Entschädigungsforderungen von Nachkommen der Überlebenden werden bis heute von der deutschen Regierung schamlos ignoriert.
In "Deutsch-Ostafrika" (Tansania, Ruanda und Burundi) ermordeten die Deutschen weitere 100.000 afrikanische Menschen im "Maji-Maji-Krieg". Und selbst für die furchtbaren Geschehnisse des Jahres 1994 in Ruanda legten sie einen der Grundsteine, indem sie mittels obskurer "Rassentheorien" die Aufspaltung der Bevölkerung in "Hutus" und "Tutsis" betrieben.
Doch auch außerhalb Afrikas wütete das Deutsche Reich. So schickte Kaiser Wilhelm deutsche Soldaten mit folgenden Worten nach China: "Führt eure Waffen so, daß auf tausend Jahre hinaus kein Chinese mehr es wagt, einen Deutschen scheel anzusehen."
"Rassenkampf", Vernichtungskrieg, Völkermord, Konzentrationslager - im kolonialen System finden wir eine der Wurzeln, die zum Nationalsozialismus führten.
Und selbst nach 1945 wurden Kasernen und Straßen nach Kolonialverbrechern benannt und Kolonialdenkmäler wie dieses geehrt. Die Namen von Trotha, Lettow-Vorbeck oder Lüderitz sind daher überliefert. Und wer weiß, dass sich hinter dem idyllischen Straßennamen "Vogelsang" vielleicht jener Heinrich Vogelsang verbirgt, der die ersten betrügerischen Landverträge an der Küste Südwestafrikas abschloss? Wo aber gibt es eine "Samuel-Maharero-" oder "Hendrik Wittboi-Straße" oder ein Denkmal für Jakob Morenga, für die Menschen, die sich gegen ihre kolonialen Unterdrücker auflehnten?
Doch nicht nur das. Heute werden wieder deutsche Soldaten "hinaus in die Welt geschickt" und - man kann diesen Satz nicht oft genug wiederholen - "die Freiheit Deutschlands am Hindukusch verteidigt". Vor über 100 Jahren geschah dies unter den wohlklingenden Worten "Kampf gegen die Sklaverei". Jetzt hören wir von "humanitären Interventionen" und einem angeblichen "Kampf für die Menschenrechte". Selbst in wissenschaftlichen Kreisen wird über einen "neuen", sogenannten "liberalen Kolonialismus" schwadroniert. Und nicht zuletzt findet sich in den Unterkünften und Lebensbedingungen für Flüchtlinge in Deutschland eine Wiederkehr wesentlicher Elemente des kolonialen Lagersystems.
JEDER KOLONIALISMUS IST EIN VERBRECHEN AN DER MENSCHHEIT.
Wir fordern die Stadt Braunschweig auf, diesen Ort kolonialen und rassistischen Gedankenguts in ein deutlich erkennbares Anti-Kolonialdenkmal umzuwandeln.
Wir fordern, die von uns hier errichtete Gedenktafel nicht zu entfernen.
Wir fordern, die bisher übliche jährliche Kranzniederlegung am Volkstrauertag zur Ehrung deutscher Kolonialvergangenheit zu unterlassen und stattdessen der Opfer jeglicher kolonialer Herrschaft zu gedenken.