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20-02-04

Von allen Seiten einsehbar

 

Ein Besuch im Gefangenenlager Guantánamo Bay, wo derzeit 600 Verdächtige unter menschenunwürdigen Bedingungen einsitzen mit einer email an die Adressaten unterstützen würden.

Camp X-Ray (ddp)"Welcome to U.S. Naval Base Guantánamo Bay", heißt es auf der Begrüßungstafel des Stützpunkt-Kommandeurs und Bürgermeisters, Navy-Captain Leslie McCoy, die am Rollfeld angebracht ist. Guantanamo Bay, die 117 Quadratkilometer große, zur Hälfte aus Wasser und Sumpfland bestehende Basis der US-Marine, ist seit mehr als 100 Jahren eine amerikanische Exklave am Ost-Ende Kubas. Mit Ende des Kalten Krieges versank die einstige Versorgungsbasis der amerikanischen Atlantikflotte in einen Dornröschenschlaf. Bis zu den Anschlägen am 11. September 2001. Danach fanden die amerikanischen Heimatschützer um US-Präsident George W. Bush in ihrem "globalen Krieg gegen den Terror" eine neue, spektakuläre Verwendung für den verkümmernden Stützpunkt.

"Derzeit sitzen etwa 660 verdächtige Terroristen und Taliban-Kämpfer aus 44 Nationalitäten in Camp Delta. Alle wurden in Afghanistan gefangen genommen. Der jüngste ist zwölf, der älteste 70 Jahre alt", sagt General Geoffrey Miller, Chef der 2200 Soldaten und Soldatinnen zählenden Joint Task Force Guantánamo Bay (JFT-GTMO). Miller ist ein mittelgroßer, hochdekorierter Armeeoffizier mit festem Blick. Er umgibt sich mit einem Panzer aus Höflichkeit, Freundlichkeit, Eloquenz, Humor und Verständnis, ist aber auch geprägt von Loyalität, Disziplin und festem Willen, der durch kein Mitleid angreifbar scheint. Er ist fest davon überzeugt, dass seine Häftlinge keine Unschuldslämmer sind. "Sie wurden bei den Vernehmungen von 8000 in Afghanistan Festgenommenen herausgefiltert."

Auf den ersten Blick wirkt Guantánamo Bay wie eine amerikanische Kleinstadt in der Karibik, die sich mit ihren amerikanischen Vorortsiedlungen und einer Shopping-Mall mit McDonald's und Pizza Hut entlang der Bucht in die wellige Tropenlandschaft einschmiegt. Annähernd 7000 Militärs, Angehörige der US-Coast-Guard, Medizin-Personal, zivile Mitarbeiter, viele mit ihren Familien, leben hier. Die Atmosphäre scheint entspannt.

Die andere Wirklichkeit von Guantánamo Bay liegt hinter einer halb kreisförmigen Hügelkette im Osten des Stützpunktes versteckt. Über den steil zum Meer abfallenden Klippen steht Camp Delta, ein weitläufiger Komplex moderner Stahlkäfige mit bald 1000 Häftlingszellen. Als der Kleinbus mit Journalisten, die erst nach mehrtägigen Überprüfungen durch US-Sicherheits- und Geheimdienste die Genehmigung zum Besuch bekamen, durch die Straßensperren rumpelt, wird der Blick frei auf die in der Sonne metallisch glänzende Anlage. Schon von außen ist leicht zu erkennen, dass die Ingenieurskunst der Firma Brown & Root, die das Camp in Rekordzeit errichtet hat, auf soliden Kenntnissen und Erfahrungen gründet. Die Firma gehört zum Halliburton-Konzern, der überall im Geschäft ist, wo die Regierung Bush Kriege führt.

"Welcome inside Camp Delta", ruft Camp-Superintendent Major Anthony Mendez. Der Weg zu Block Alpha, dem Vorzeigetrakt für Besucher, führt durch drei breite, meterhohe, mit dunkelgrünen Sichtblenden verhängte Sicherheitsschleusen aus verstärktem Maschendraht. Fotografieren ist verboten. Unter einem flachen Satteldach befinden sich links und rechts eines breiten Mittelgangs jeweils 24 karge Zellen. Die Zellenwände bestehen aus Stahlnetz-Elementen. Sie sind von allen Seiten einsehbar. Die Gefangenen dürfen miteinander reden, manchmal palavern sie lautstark durch den Block. Wenn die Meeresbrisen ausbleiben und es heiß und schwül wird, werden Ventilatoren angeworfen, die wie große, glänzende Kochtöpfe auf den Dächern sitzen. In den Türen sind in Höhe der Brust und der Fußgelenke Klappen angebracht, zum Anlegen der Hand- und Fußfesseln von außen und zum Hineinreichen der Verpflegung.

Die Käfige sind kaum größer als ein gewöhnliches Doppelbett, haben eine Pritsche mit einer dünnen Matratze, ein im Boden eingelassenes Hock-Klo sowie ein Waschbecken in Kniehöhe. Auf der Pritsche liegen ein Brettspiel, ein Koran, Gebetsutensilien, eine zusammengerollte Gebetsmatte und ein mehrteiliges "Jumpsuit", wie Mendez die Häftlingskleidung nennt: Unterhose, Hose, T-Shirt, Hemd in leuchtendem Orange.

Keine Intimität, nur Anonymität

Auch nachts ist das Licht in den Zellenblöcken an. Wer auf seiner Toilette sitzt, darf sich umständlich ein dünnes Tuch vor die Scham halten. Die im Mittelgang patrouillierenden Wachen lassen keinen der Insassen länger als 30 Sekunden aus den Augen. Es gibt nicht die geringste Intimität. Nur Anonymität. Die Häftlinge haben keine Namen mehr. Jeder ist nur eine Seriennummer. In kurzen Abständen werden die Zellen durchsucht.

Genau zwei Jahre ist es jetzt her, dass die Bilder der ersten Taliban- und Al-Qaeda-Verdächtigen in Camp X-Ray um die Welt gingen. Camp X-Ray wurde nur von Januar bis April 2002 genutzt, es liegt nicht weit von Camp Delta in einer heißen Mulde versteckt. X-Ray hieß es, weil die Drahtgitterkäfige - ähnlich denen im moderneren und größeren Camp Delta - wie auf einem Röntgenschirm durchsichtig waren. Das Lager war unhygienisch und primitiv. Inzwischen ist es von Schlingpflanzen und Unkraut überwuchert, die Natur verwandelt die Zellen in grüne Lauben und wächst langsam auch über die meterhohen, mit rasiermesserscharfen Stacheldrahtrollen bewehrten Maschendrahtzäune. Leguane und vor allem Banana-Rats, eine dem Opossum ähnliche Baumratte, haben sich als neue Bewohner auf den verlassenen Wachtürmen und in den schattigen Zellen eingerichtet. Und über ihnen kreisen Truthahn-Geier und halten nach Opfern Ausschau.

 

Wo Camp X-Ray Vergangenheit ist, wächst Camp Delta in die Zukunft. Es heißt, eines Tages solle es bis zu 2000 Häftlinge fassen können mit einem erweiterten Verhör-Komplex. Für das JTF-Team baute Brown & Roots hurrikanfeste Mannschaftsquartiere. Und das, obwohl seit dem vorigen Jahr der Statistik zufolge immer weniger Häftlinge aus Afghanistan eintreffen. Gibt es neue, geheime Nutzungspläne?

Fünfmal am Tag ruft in Camp Delta der Muezzin vom CD-Player über die Lagerlautsprecher die Moslems zum Gebet, zweimal am Tag, morgens und abends um acht, lässt die amerikanische Nationalhymne die Soldaten strammstehen. Die Häftlinge dürfen dreimal die Woche zehn Minuten duschen und 30 Minuten Sport treiben, ansonsten hocken sie in ihren Zellen, lesen im Koran. Sie dürfen sich auch Bücher ausleihen. Post wird streng zensiert. Was in der Welt los ist, erfahren sie nur, wenn die Amerikaner es wollen. Zum Beispiel als die Kriege in Afghanistan und Irak "gewonnen" waren oder als Saddam Hussein festgenommen wurde. Da tönte es triumphierend aus den Lautsprechertüten. "Nach solchen Meldungen geht die Zahl derjenigen, die beim Verhör kooperieren, immer nach oben", schwärmt Mendez. Die Verhöre finden zu jeder Tages- und Nachtzeit in 17 Sprachen und 19 Dialekten statt. 29 kleine Hafterleichterungen - von der eigenen Plastikflasche Wasser bis zu Extra-Rationen Essen und Extra-Sport mit anderen - gibt es für jene, die ihr Wissen preisgeben, egal welches. Größte Belohnung ist der Umzug ins Camp 4.

Camp 4 liegt auf halbem Weg zur Freiheit. Die derzeit etwa 100 Häftlinge sind dort nicht mehr weggesperrt, sondern zu besichtigen. Mit ihnen zu sprechen, ist jedoch verboten. Die Käfige sind hier geschlossene Bungalows mit jeweils vier Zehn-Betten-Zimmern und Außentüren, separierten Toiletten und Duschen. Vor den Häuschen rustikale Picknick- und Freizeit-Areale mit Sonnendach, in denen die Häftlinge vor den Augen der Besucher flanieren. Die Gebetsmatte ist hier ein kleiner orientalischer Teppich und nachts wird das Licht abgedunkelt. Aber vor allem trägt hier keiner mehr orange, sondern, wie in der Heimat, den traditionellen weißen Kaftan.

In den Camps 1, 2 und 3 leiden viele unter Depressionen. Die Menschen dösen in völliger Ungewissheit über ihr weiteres Schicksal vor sich hin. Der Chefarzt des Lagerhospitals, Captain John Edmonson, berichtet, bisher hätten in Camp Delta 21 Personen 34 Selbstmordversuche unternommen, einige also mehr als einmal. Den letzten Selbstmordversuch hat es erst vor ein paar Tagen gegeben. Edmonson gibt zu, dass dies eine hohe Quote ist. Inzwischen wird anders gezählt. Wenn neuerdings jemand versucht, sich das Handgelenk aufzuschlitzen, ist es nur noch eine "sich selbst zugefügte Verletzung". Das ist besser für die Statistik.

Keine Gespräche, keine Gefühle

Es gibt Hungerstreiks. Andere rasten einfach aus, rennen mit dem Kopf gegen Zellenpfosten oder rempeln ihre Wärter an, brüllen in ihren Käfigen aus Wut und Verzweiflung. "Zwölf bis 15 Prozent hatten geistige und psychische Probleme als sie hier ankamen", sagt Doktor Edmonson, ein Chirurg, der ein wenig gequält und müde wirkt. Als ob ihm nicht wohl ist bei dem Ganzen. "Einige leiden auch unter ernsten chronischen Geisteskrankheiten."

Die Wärter machen einen harten Job. Sie kommen von der Militärpolizei, aus der Army oder sind Reservisten der National-Garde. Jeden Tag haben sie mit den Gefangenen Kontakt. "Ungezwungene Gespräche mit den Häftlingen sind jedoch untersagt", sagt Major Mendez, außer in Camp 4. Gefühle oder gar Mitleid sind tabu. Die 27-jährige Juanita R., Sergeant bei Militärpolizei, sagt kühl: "Wenn Du anfängst zu glauben, der Typ da ist unschuldig, nur weil er im Käfig sitzt, dann wird er nur versuchen, aus allem einen Vorteil für sich herauszuholen." Als Frau hat sie es schwer, von den Häftlingen respektiert zu werden. Für "die meisten" sei es eine Erniedrigung, "von einer Frau angefasst" zu werden. "Sie drehen sich weg, wenn ich erscheine." Die Soldaten sind praktisch auch die meiste Zeit eingesperrt: im Zellenblock, in den Mannschaftsquartieren. Die Beziehungen zu den Familien leiden. "Letzten Monat hat sich einer unserer Kameraden umgebracht. Es war wohl zu viel für ihn", sagt der Führer einer Infanteriepatrouille.

Präsident Bush und sein Verteidigungsminister Donald Rumsfeld wollen nicht, dass ihnen jemand in Guantánamo hineinredet. Sie verfügten, dass die amerikanische Rechtssprechung hier nichts zu sagen haben soll, die internationale schon gar nicht. Guantánamo Bay sei das "juristische Äquivalent zum Weltraum" lautete kurz und bündig der Kommentar eines Washingtoner Regierungsmitarbeiters. Höchste Richter, die Bush schon bei der Stimmenauszählung zu seiner Präsidentenwahl freundlich gesonnen waren, meinten auf einmal, weil Guantánamo Bay auf Kuba liege und nur "gepachtet" sei, falle es leider auch unter die kubanische Jurisdiktion. Ein Zynismus und eine Spitzfindigkeit, über die der alte Patriarch in Havanna nur lachen kann. Aber inzwischen haben Anwälte die Position Washingtons ins Wanken gebracht. Im November vorigen Jahres sprach der Oberste Gerichtshof 16 Guantanamo-Gefangenen das Recht zu, ihre Inhaftierung vor amerikanischen Gerichten anzufechten.

Miller beharrt jedoch darauf, hier seien irreguläre, feindliche Kämpfer ohne Uniform inhaftiert. "Unser Präsident hat in seiner Rede am 13. November 2001 dargelegt, was ein ‚enemy combattant' ist. Trotzdem gewähren wir ihnen alle Rechte der Genfer Konvention - mit Ausnahme des Rechts, einen Anwalt zu sehen." Was viele Angehörige nicht daran gehindert hat, Anwälte zu verpflichten. So auch im Fall des 21-jährigen Deutsch-Türken Murat K. aus Bremen, der am 3. Oktober 2001 heimlich nach Pakistan gereist war, um angeblich eine Koranschule zu besuchen und nun in Guantánamo einsitzt (die FR berichtete).

 

Bisher sind 88 Gefangene aus Camp Delta entlassen worden. 48 hat man an die Regierungen ihrer Heimatländer überstellt, die übrigen 40 sind wieder frei. Darunter jener Taxifahrer, der nun behauptet, mit seinen Fahrgästen von Kopfgeldjägern eingefangen und als Taliban an die Amerikaner verkauft worden zu sein. Miller schüttelt milde den Kopf. Was der Mann behaupte, sei "nicht zutreffend". Na ja, "manche hier sind extrem gefährlich, manche weniger".

Drei Kinder und Jugendliche im Alter von zwölf bis 15 Jahren, die trotz internationaler Proteste, vor allem des Roten Kreuzes, seit Februar vergangenen Jahres hier weggesperrt wurden, sind mittlerweile nach einem Jahr Haft entlassen worden. "Zwei dieser Jungen sind in den Terrorismus gekidnappt worden. Aber keiner von ihnen hat gekämpft oder gar einen US-Soldaten getötet", sagt Miller. Schon im August hatte er Washington gedrängt, die Jungen zu ihren Familien zurückzuschicken.

Es wäre ein Missverständnis zu glauben, in Guantánamo sollten Terroristen "resozialisiert" werden. Der Hauptzweck des Unternehmens ist, wie General Miller zugibt, "das Sammeln von taktisch, operationell und strategisch relevanten Geheimdienstinformationen, um den USA und ihren Alliierten zu helfen, den globalen Krieg gegen den Terrorismus zu gewinnen". Amerikanische Medien berichten immer öfter, der Ertrag sei für die Terrorbekämpfung in Wahrheit kaum von Nutzen. Die Befragungsteams seien zu jung und unerfahren. Manche Häftlinge erzählten ihnen das Blaue vom Himmel oder das, was diese hören wollten, bloß, um in den Genuss von Privilegien zu kommen.

General Miller muss das natürlich anders sehen, sonst wäre die gigantische "Mission" auf Guantánamo sinnlos: "Die Erkenntnisse, die wir gewinnen, sind enorm. Allein im letzten Monat konnten wir 300 hochsensible Informationen zusammenfügen." Und wie? "Wir wenden jedenfalls keine physischen Techniken an, keinen Schlafentzug, auch keine Medikamente", versichert Miller. Vielleicht sitzen deshalb Drahtzieher des 11. September wie Ramzi Binalshibh oder Khalid Scheich Mohammed nicht hier.

Unterdessen treiben Präsident Bush und das Pentagon den Plan voran, in Guantánamo bald Militär-Tribunale abzuhalten. Miller spricht von sechs Fällen, die verhandlungsreif seien. Das Militär will Pflichtverteidiger stellen, doch die Beschuldigten bleiben ohne Rechte. Das Verfahren wäre eine rechtsstaatliche Farce. Im Strafkatalog ist auch die Todesstrafe vorgesehen. "In Guantánamo gibt es keine Todeszelle, und es ist auch keine Todeszelle geplant", betont General Miller. Wenn es anders wäre, bräuchte man auch noch einen Henker. Der einzige Henker, den es bislang auf Guantánamo Bay gibt, ist ein harmloser Wildhüter. Zu seinem Job gehört es, die von Helfern mit einem orangefarbenen Punkt auf dem Fell markierten Banana-Rats zu beseitigen.

Die geplanten Militärtribunale in der US-Exklave beunruhigen weltweit Juristen und Regierungen, die sich dem demokratischen Rechtsstaatsprinzip verpflichtet fühlen. Es muss schon viel passieren, ehe sich einer so äußert wie Lord Johan Steyn, einer der zwölf höchsten Richter in Großbritannien. Es sei schockierend, dass Präsident Bush "im Vorhinein seine persönliche Ansicht über die Gefangenen (…) publik gemacht" und "sie alle als ‚Killer' " bezeichnet habe. In der International Herald Tribune sprach er von einem "monströsen Scheitern des Rechts".

 

Quelle:

www.fr-aktuell.de/_inc/_globals/print.php

 

 

 

 







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